Leseprobe

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Ungestüm und rücksichtslos ritt der Fürst über den Platz zu einem an der Stadtmauer flatternden Plakat, an dessen Ränder der Kleister noch nass schimmerte. Er las den Anschlag mit verkniffenen Lippen. Während seine Zornesadern an den Schläfen bei jedem Wort mehr zutage traten und sein Gesicht sich tiefrot verfärbte, legte sich eine bleierne Stille über dem Markt, einzig durchbrochen vom nervösen Klappern und Schnauben der stramm gehaltenen Pferde. Die Leute, eben noch in bunten Gruppen beisammen, stoben so schnell sie konnten in alle Richtungen, wie Mäuse, die sich beim Nähern einer Katze in ihren Löchern verkriechen. Die Turmuhr schlug neun.
»Ins Verlies mit ihm!«, fauchte Ruggasson mit bebender Stimme und zerfetzte das Plakat mit seiner Gerte. Unter seinem wüsten Stakkato aus kaum verständlichen Worten banden ihn die beiden Graiffer - so wurden Ruggassons Häscher genannt - an den Handgelenken fest und zerrten ihn mit sich. In Angst erstarrt verfolgten die Marktleute, die sich nicht hatten verdrücken können, das Geschehen. Keiner rührte sich. Wer einmal Ruggassons Jähzorn erlebt hatte, hütete sich, dessen Aufmerksamkeit durch eine verspätete Ehrerbietung oder gar durch offenen Widerspruch auf sich zu lenken. Seit seiner Machtübernahme hofften die Leute des Städtchens, das Alter werde den Landesfürsten milder stimmen. Vergeblich. Auch mit fast fünfzig Jahren benutzte er seine Macht in jeder Hinsicht willkürlich und hemmungslos.

Der Anblick des schmächtigen Jünglings, der von den Pferden um ein Haar zertrampelt wurde, liess Emmy hinter ihrem Marktstand frösteln. Beim Gedanken, dass ihr Sohn Jon anstelle dieses jungen Mannes gefasst und abgeführt werden könnte, lief Emmy ein eisiger Schauer über den Rücken. Erst vor vier Wochen war Jon aus dem Baldurtal zurückgekehrt, um ihr im Amselnest zu helfen. Fünf lange Jahre war er fort gewesen; untergetaucht, um sein Leben nicht im Krieg zu lassen. Mit klammen Fingern zog Emmy ihre abgewetzte, mit bunten Blumen bestickte Strickweste enger um sich.
Emmys Hoffnung, dass nach der Verhaftung des Plakatklebers der Geltungsdrang des Fürsten zumindest fürs Erste befriedigt sei, verflüchtigte sich rasch. Ruggasson sah sich aufrecht in den Bügeln stehend nach weiteren Opfern um. Die Statthalter der Bezirke und ein paar Mitglieder des Graiffstetter Landtages hatten sich in den letzten Wochen unablässig die Klinke in die Hand gegeben, beim Landesfürsten vorgesprochen und aufdringlich eindringlich um Unterstützung gegen Aufwiegler ersucht. Und mit dem Gedanken, dass das ein Ende haben müsse, beäugte der Fürst die Leute auf dem Platz misstrauisch. Wo immer ihr euch versteckt, ich werde euch den Garaus machen! Dann brüllte er: »Wer es wagt, sich unserem Vorhaben zu widersetzen, sei gewarnt! Wir dulden keinerlei Widerstand! «

Doch als er der Garden einen Wink zum Aufbruch geben wollte, erregte eine junge Frau in einem braunen Umhang seine Aufmerksamkeit. Beim Versuch die Gunst des Augenblicks zu nutzen und in die nächstliegende Gasse, die Ölgasse zu entschwinden, stolperte sie vor Emmys Markttisch unglücklich über ihr weites Cape. »Halt!«, schrie Ruggasson und lenkte seinen Rappen so knapp an den Verkaufsständen vorbei, dass es an ein Wunder grenzte, dass kein Mensch zertrampelt, kein Stand verwüstet wurde. »Wo willst du hin? Runter, auf die Knie und sieh‘ gefälligst zu mir hoch!«, gellte er die Frau an, die ihr Gesicht unter einer Kapuze zu verbergen versuchte. Zornig hob er seine lange, mit schwarzem Leder überzogene Gerte zum Hieb. Doch bevor die Peitsche los sauste, trat Emmy ohne irgendeinen Gedanken an ihre eigene Sicherheit zu verschwenden geschwind hinter ihrem Tisch hervor, direkt vor den nervös mit seinem seidenen Schweif schlagenden Rappen, der ein paar Schritte zurück trippelte. »Ach, sieh an, noch ein Weib!“, keifte der Landesfürst gallig und führte sein Pferd wieder zwei Schritte vor, unmittelbar vor die Frau, die sich unverschämt vor ihn stellte. »Was mischt du dich ein, du Lumpenweib!?«

Emmy blieb bewegungslos stehen und rührte sich nicht. Stattdessen schaute sie ihm unverblümt in die Augen, als gälten seine Worte und sein Zorn nicht ihr. Während des endlos lang erscheinenden Kräftemessens musterte Ruggasson sie von oben nach unten mit einem verächtlichen Zucken um die schmalen, von struppigen Barthaaren halb verdeckten Lippen, bis sein Blick für einen Moment entgeistert ganz unten, an Emmys nackten Füssen hängen blieb. Diese Zehen. Wahrlich diese Zehen waren viel zu gross für diese kleine Frau. Verwirrt lachte er auf, schüttelte er sich und spuckte vor Emmy aus. »Ach, ihr Weiber seid es ja nicht wert, dass man wert, dass man sich mit euch abgibt! Aus dem Weg!« Schnell liess er die noch immer erhobene Gerte auf die rechte Flanke seines Rappen niedersausen, riss ihn mit einem groben Ruck herum und galoppierte in Richtung Palais. Leute rannten auseinander. Krüge barsten. Körbe fielen um. Äpfel kullerten übers Kopfsteinpflaster. Und die Gardisten standen einen Augenblick orientierungslos inmitten der Marktstände, bis sie ihrem davon galoppierenden Fürsten folgten.

Felix atmete laut aus, als habe er während der ganzen Zeit die Luft angehalten. »Wie hast du denn das wieder gemacht? Ich dachte schon, dein letztes Stündchen hat geschlagen«, stellte er überrascht fest und wischte sich mit einem frischen, sauber gefalteten Taschentuch sichtlich erleichtert den Schweiss von der Stirn. »Das hätte eigentlich ganz, wirklich ganz übel enden müssen! Ich versteh’s nicht«. Schulter zuckend, doch nicht weniger erstaunt, murmelte Emmy mehr zu sich als zu ihm: »Ja, Glück gehabt!« Tatsächlich konnte sie sich selber nicht erklären, weshalb der Fürst sie verschonte und auch die junge Frau laufen liess. Emmy war wie so oft auch diesmal dreist und waghalsig aufgetreten. Doch wenn sie hautnah mitbekam, wie Ruggasson seine Graiffer auf Unschuldige hetzte und die Städter sich gelähmt durch ihre Angst nur duckten, konnte sie nicht anders als sich einzumischen.

Während sich die junge Frau den Strassenstaub vom Umhang abklopfte, sah Emmy den Reitern nach, überwältigt von Erinnerungen. Verblasste Bilder, deren beissende Schärfe dem Zeitenlauf zum Opfer gefallen war: Emmy, noch keine zwanzig Jahre alt, verstrickt im teils heftigen, von vielen Wiederholungen jedoch stumpf gewordenen und letztlich zwecklosen Streit ...